Beginnen wir mit einem Bild:

Betrachtungsebenen
Der Elefant steht für das Ganze und seine Teile. Mitunter kann man allerdings dem Trugschluss erliegen, einzelne Teile für das Ganze zu halten. Warum? Möglicherweise wird kein unmittelbarer, praktischer Nutzen erwartet, wenn man über etwas nachdenkt, auf das man keinen Einfluss zu haben meint. „Man kann ja doch nichts ändern.“ Doch ist dem so?
Das Bild vom Elefanten illustriert, dass Wirklichkeit komplex ist. Wer das Ganze nicht erfasst, wer den „großen Zusammenhang“ ausblendet, wird die Einzelteile falsch interpretieren und den Rüssel für eine Schlange, das Ohr für einen Fan halten.
Soziologinnen [1] versuchen, gesellschaftliche Wirklichkeit zu erfassen und unterscheiden in die Mikroebene des Handelns von Individuen, die Mesoebene von Organisationen und die Makroebene von gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen, politischen Rahmenbedingungen und aktuellen Epistemen im Sinne von gesellschaftlich diskutierten Wissensbeständen, die Wahrnehmen und Denken präformieren. Die Frage ist: Wie viel Gesellschaft ist im Individuum präsent? Und wie ist es umgekehrt? Auf welche Weise formt der Einzelne die Gesellschaft?
BEISPIEL
Heute ist es selbstverständlich, dass Frauen erwerbstätig sind. Heutzutage können Frauen auch das aktive wie passive Wahlrecht ausüben. Diese Freiheiten mussten über Jahrzehnte hart erkämpft werden. Damit es selbstverständlich wird, dass die Gender Power Gap überwunden wird und Frauen gleichermaßen Leitungsfunktionen übernehmen, sind Fortschritte sowohl auf struktureller Ebene von Politik und Öffentlichkeit als auch durch die Frauen selbst vonnöten.
Das klingt theoretisch? Was mitunter übersehen wird: Theorie ist oft praktisch. Die Überlegungen eines Immanuel Kant (1724-1804) zum bürgerlichen Rechtsstaat und dem Platz, den er Frauen dabei zuwies, haben bis ins 20. Jh. hinein gewirkt und konservative Rollenbilder sowie eine entsprechende Arbeitsteilung gestärkt. Zugleich löste die Idee der Emanzipation, von Freiheit und Gleichheit, Wellen von Frauenbewegungen aus, die neue Rechte und (berufliche) Möglichkeiten von Frauen erkämpften. Mikro- und Makroebene sind also miteinander verschränkt. Eine umfassende Geschlechtergerechtigkeit kann es daher nur in einem weiten Sinn geben: verankert und rechtlich abgesichert in den Strukturen von Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Kultur sowie durch das mutige Handeln von Frauen und Männern selbst.
Ein solcher Denkansatz eröffnet außerdem mehr Handlungspotenziale hin zu Geschlechtergerechtigkeit in Zeiten der Veränderung. Denn wenn Gesellschaften und die geopolitischen Kräfteverhältnisse im Umbruch sind, kann es schnell zu einer Retraditionalisierung des Geschlechterverhältnisses kommen. Auch können Gender-Fragen als Instrumente bei der Erzeugung gesellschaftlicher Spaltungen eingesetzt werden. Diese Machtstrategien zu durchschauen, hilft, dem emanzipatorischen Geist des Fortschritts hin zu mehr Geschlechtergerechtigkeit neues Leben zu geben. Und dies, wenn oft nicht absehbar scheint, ob Einzelne mit Blick auf die gesamte Gesellschaft etwas bewirken können. Doch das „ob“ ist weniger die Frage. Denn: „Die Leute wissen, was sie tun; häufig wissen sie, warum sie das tun, was sie tun; was sie aber nicht wissen, ist, was ihr Tun tut.“ (Michel Foucault)

