Die Diskurse zur „Naturalisierung“ von Frauen, ihrer BeschrĂ€nkung auf die Rolle von Hausfrau und Mutter, ihrer behaupteten intellektuellen und physischen InferioritĂ€t, die Produktion von weiblichen wie mĂ€nnlichen Rollenbildern, Stereotypen und Vorurteilen haben besonders seit dem 19. Jh. Gegenbewegungen ausgelöst. Eine zentrales Feld der Argumentation war und ist dabei die Patriarchatskritik. 

 

Was heißt „Patriarchat“? 

Vereinfacht gesprochen, beschreibt der Terminus Formen des sozialen Zusammenlebens, die von MÀnnern bzw. VÀtern dominiert und kontrolliert werden. Sie umfassen bestimmte soziale Normen, Werte, Rollendefinitionen und -erwartungen, Produktions- und EigentumsverhÀltnisse, Hierarchien, Machtbeziehungen und Weiteres. Manche Autoren verbinden damit ebenso EigentumsverhÀltnisse, die es MÀnnern erlauben, ökonomisch zu dominieren (Friedrich Engels [1884] etwa verbindet patriarchale VerhÀltnisse mit dem Enstehen des Privateigentums). 

 

Patriarchatsanalyen und -kritik sind vielfĂ€ltig und setzen verschiedene Akzente. Nachstehend wird eine Autorin gewĂŒrdigt, die ein MachtverstĂ€ndnis entwickelt, das unter anderem von Hannah Arendt inspiriert ist. Außerdem soll kurz auf die Entdeckungen zu einer mutmaßlich matriarchalen Donauzivilisation eingegangen werden. 

 

Christina ThĂŒrmer-Rohr: die Liebe zur Welt

Die Professorin fĂŒr Frauenforschung in Berlin (1936-2026) vertritt die These, dass Frauen MittĂ€terinnen im patriarchalen System seien. Sie wĂ€ren nicht ausschließlich Opfer des Patriarchats, vielmehr diene ihr Handeln dem System. FĂŒr ThĂŒrmer-Rohr heißt daher Feminismus, gegen den Strom zu schwimmen. „Der Mainstream ist ein erbĂ€rmliches und außerdem kein harmloses GewĂ€sser.“ [1]

Sie sieht dies nicht nur auf der Ebene des Handelns einzelner Frauen, sondern verbindet damit auch eine politische Dimension: “Feminismus ist Gesellschaftskritik“. Dies meint fĂŒr ThĂŒrmer-Rohr das Verstehen der Gegenwart wie auch das Wissen um die Vergangenheit. Mit Bezug auf Hannah Arendt (1906-1975) und ihren Begriff der PluralitĂ€t spricht sie sich dafĂŒr aus, “Menschen im Plural statt im Singular zu begreifen und das Verschiedensein anzuerkennen”. Dies sei “gleichbedeutend mit der ‘Liebe zur Welt'”. [2] Von Hannah Arendt ĂŒbernimmt ThĂŒrmer-Rohr auch den Gedanken der “Bodenlosigkeit”. Diese existenzielle Erfahrung könne eigenes, selbststĂ€ndiges Denken auslösen. Frauen sollten dies zulassen. Es gehe dabei um ein „existentiell motiviertes Lernen mit offenem Ausgang, um den Versuch des Experimentierens an der Schmerzgrenze.“ [3]

Dies ist kein einsames Suchen, Entdecken und Probieren. ThĂŒrmer-Rohr gibt ein PlĂ€doyer fĂŒr die Freundschaft “(
) oder Anfreundung mit der Welt und die Sorge um die Welt ĂŒber die Anfreundung mit verschiedenen Menschen”. Darin werde “… die Freiheit der Zustimmung zum Anderen deutlich”. [4]

ThĂŒrmer-Rohr lĂ€sst damit ein VerstĂ€ndnis von Macht erkennen, das neben der analytischen Dimension der Kritik die Beziehung zwischen Menschen favorisiert. Macht wird daher weniger als „Macht ĂŒber“ andere, sondern eher als „Macht mit“ anderen vorgestellt. Dies hat insofern eine gesellschaftliche Strahlkraft als sie die existenzielle Erfahrung des „Auf- sich-geworfen-seins“ (Heidegger) und des Sich-fremd-fĂŒhlens positiv denkt und zum Ausgangspunkt nimmt, damit Frauen neues ‚Terrain‘ erkunden und es beleben. Zudem anerkennt sie damit PluralitĂ€t und sieht darin keinen Widerspruch zu gemeinsamem Handeln. 

Frauen können so voneinander lernen. Sie können ihr eigenes Denken entlang ihrer eigenen Wahrnehmungen weiter entwickeln, experimentieren, sich zum Ausdruck bringen, und in der Liebe zur Welt die Welt verÀndern. 

Stephan Röhl / Heinrich-Böll-Stiftung, Christina ThĂŒrmer-Rohr, 14 October 2014. Cropped version via Wikimedia Commons. CC BY-SA 2.0.

Die Donauzivilisation Alt-Europas – eine matrifokale Kultur?

Patriarchatskritik geht auch mit der Erkundung anderer als patrichaler Organisationsformen von Gemeinschaft und Gesellschaft einher. Besonders seit der zweiten HĂ€lfte des 20. Jh. werden matriarchale bzw. matrifokale Kulturen erforscht. Die litauische ArchĂ€ologin Marija Gimbutas unternahm zahlreiche Ausgrabungen in SĂŒdosteuropa und geht davon aus, dass es vor mehr als 6000 Jahren eine egalitĂ€re, friedliche Hochkultur Alt-Europas mit dem Glauben an eine „Große Göttin“ gegeben habe. Um etwa 4500 v.u.Z. sei diese durch kriegerische indogermanische Reitervölker sukzessive in neue gesellschaftliche Strukturen ĂŒberfĂŒhrt worden – die hierarchisch waren und sich durch Gewalt auszeichneten.  

Inwiefern man von einem matriarchalen Kulturkreis sprechen kann, wird kontrovers diskutiert. Einige Forscher lehnen es ab, die Existenz von Strukturen anzunehmen, die nicht kriegerisch waren. Matriarchatsforscherinnen selbst sprechen allerdings auch nicht von einer „Frauenherrschaft“ im Gegensatz zur „MĂ€nnerherrschaft“ (Patriarchat). Sie betonen vielmehr, dass die Zivilisation des Alt-Europa – in den LĂ€ndern des frĂŒheren Jugoslawiens, Bulgarien, RumĂ€nien, Ungarn, West-Ukraine – auf der EgalitĂ€t der Geschlechter beruhte. Dabei seien zugleich die Unterschiede respektiert worden. Politische Entscheidungen seien im Konsens getroffen worden, und der spirituellen Dimension wurde große Bedeutung beigemessen. Die Natur sei eher als etwas Göttliches wahrgenommen worden und das VerhĂ€ltnis zu ihr sei nach dem Prinzip von Geben und Nehmen aufgefasst worden. Die EgalitĂ€t zwischen den Geschlechtern, die spirituelle Verehrung der weiblichen Schöpfungskraft, das Prinzip von Zusammenarbeit statt Ausbeutung seien offenbar die Basis fĂŒr zweitausend Jahre Frieden in Alt-Europa gewesen. [5]

Dieser kurze Hinweis auf die alteuropĂ€ische Zivilisation mag verdeutlichen, dass Macht auch anders gestaltet werden kann, als es aktuelle Gesellschaftsordnungen nahelegen. Damit werden Perspektiven eröffnet, Macht anders, neu zu denken – und auch fĂŒr Frauen neue Möglichkeiten der Einflussnahme zu eröffnen. 

Viele weitere Schriftsteller/innen, KĂŒnstler/innen, Journalist/innen und Wissenschaftler/innen ĂŒben und ĂŒbten Kritik an patriarchalen VerhĂ€ltnissen. 

 

Quellenangaben

[1] [2] [3]Siebrasse, Brigitte

[4]ThĂŒrmer-Rohr, 2003, p. 90, in: Czollek / Perko

[5]LĂŒpke, Geseko von, Die große Göttin. Das RĂ€tsel der alteuropĂ€ischen Donau-Zivilisation, manuscript of the RBB Kultur radio broadcast, 16.04.2023, editor: Anne Winter; a production of Bayrischer Rundfunk

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