Die philosophischen, politikwissenschaftlichen, soziologischen und wirtschafts- und kulturwissenschaftlichen Schriften zu Macht fĂŒllen ganze Bibliotheken. Dazu zĂ€hlen die Werke von Tukydides, Thomas von Aquin, NiccolĂČ Macchiavelli, Thomas Hobbes, Montesquieu, Immanuel Kant, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Karl Marx Marx und Friedrich Engels, Johann Gottlieb Fichte, Friedrich Nietzsche, Max Weber, Hannah Arendt, Niklas Luhmann, Norbert Elias, Johan Galtung, Susan Strange, Michael Popitz, Michel Foucault, Pierre Bourdieu, Simone de Beauvoir, Marta Nussbaum, Judith Butler u.v.a.m. Die eine Definition oder ErklĂ€rung gibt es nicht. Vielmehr verschiedene Interpretationen und Blickwinkel auf Macht.Â
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Macht
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Betrachten wir zunĂ€chst das Wort selbst. âMachtâ hat proto-indo-europĂ€ische Wurzeln und leitet sich von dem Wort âmagh-â ab, das mit âimstande sein, fĂ€hig sein, könnenâ ĂŒbersetzt werden kann.[1] Das englische Wort âPowerâ wird ebenfalls von âfĂ€hig seinâ, âimstande seinâ bzw. âKraftâ und âStĂ€rkeâ hergeleitet.[2]Â
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Das Wort âmachen / to makeâ wiederum geht auf âmak-â zurĂŒck, das mit âkneten, formen, bildenâ / “to knead, fashion, fit” ĂŒbersetzt wird. Es steht damit nicht in einem direkten Zusammenhang mit âMachtâ.[3]Â
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Der Soziologe Max Weber (1864-1920) prĂ€gte ein VerstĂ€ndnis von Macht, das zum Klassiker wurde: âMacht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.â[4] Sie kann auf verschiedene Weise auftreten: In der Familie, zwischen Frau und Mann, im Unternehmen, auf dem Arbeitsamt, ĂŒber anonyme ZwĂ€nge u.s.w. Macht kann von Personen ausgehen, aber auch ĂŒber Gruppen und Organisationen bzw. ĂŒber wirtschaftliche, technische, rechtliche und kulturell-religiöse Strukturen hergestellt werden.Â
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Herrschaft
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DemgegenĂŒber sei Herrschaft aus der Sicht von Weber eine Form der institutionell abgesicherten und damit gesellschaftlich anerkannten Macht: âHerrschaft soll heiĂen, die Chance, fĂŒr einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden.â  Weber unterteilt in drei Typen von Herrschaft, die als legitim gelten können:Â
- legale bzw. rationale Herrschaft, die durch vereinbarte Regeln und Strukturen abgesichert ist und an Positionen, nicht Personen gebunden ist (z.B. ein Parlamentarisches Regierungssystem),
- traditionale Herrschaft, die auf dem Glauben an eine unverrĂŒckbare AutoritĂ€t wie z.B. den König gebunden ist, und
- charismatische Herrschaft, die auf der besonderen Ausstrahlung einer Person und ihrer Rolle als Vorbild beruht.
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BEISPIEL:Â
Ăber Jahrhunderte hinweg wurde die Institution der Ehe im Sinne der Herrschaft nach Max Weber definiert. Frauen sollten ihrem Mann gehorsam sein. Dies wurde gesetzlich verankert. Es wurde auch juristisch-ökonomisch abgesichert. Noch in den 1970er Jahren mussten Frauen in der damaligen BRD ihren Ehemann um Erlaubnis bitten, berufstĂ€tig zu sein. Die Macht der Frauenbewegung, ausgetragen ĂŒber öffentliche Kritik und Protest, trug dazu bei, diese Form der Herrschaft aufzubrechen.Â

Macht zu handelnÂ
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Ein solch kollektives bzw. gemeinschaftliches VerstĂ€ndnis von Macht ist auch in der Sicht von Hannah Arendt (1906-1975) zu erkennen, wenn sie festhĂ€lt:Â
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Macht entspricht â⊠der menschlichen FĂ€higkeit, nicht nur zu handeln oder etwas zu tun, sondern sich mit anderen zusammenzuschlieĂen und im Einvernehmen mit ihnen zu handelnâ. Sie entsteht, âwann immer Menschen sich zusammentun und gemeinsam handelnâ.[5]
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Erkennt Max Weber sowohl in Macht als auch in der Herrschaft ein Handeln, was ânegativâ darauf gerichtet ist, andere nach dem eigenen Willen zu formen, sie zum Instrument eigener Interessen zu machen (und damit Ohnmacht erfahren zu lassen), lenkt Hannah Arendt die Aufmerksamkeit auf Kommunikation, VerstĂ€ndigung, gemeinsames Tun. Macht wird auch von ihr als Beziehung aufgefasst, aber nicht als eine der Unterwerfung, sondern eher der (Selbst-)ErmĂ€chtigung und das im Handeln mit anderen. (Macht im Sinn von Herrschaft und UnterdrĂŒckung verbindet sie mit dem Begriff der Gewalt.)Â

GeschlechterverhĂ€ltnisÂ
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Bezogen auf Fragen zum GeschlechterverhĂ€ltnis lieĂen sich mit Max Webers Definition so manch âklassischâ patriarchales Auftreten vor allem von MĂ€nnern wie auch offen repressive, geschlechterdiskriminierende Strukturen beschreiben. Hannah Arendt wiederum könnte fĂŒr die Idee der Emanzipation Impulse bieten.Â
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Diese Sichtweisen auf Macht sind vielleicht nicht ganz neu. Bemerkenswert ist, dass Hannah Arendt sie weniger vertikal als ein VerhĂ€ltnis von âobenâ und âuntenâ versteht, sondern als Möglichkeit, dass Menschen gleichsam horizontal sich zusammenschlieĂen und etwas tun. Beide Denker zentrieren um Subjekte (auch Organisationen können âSubjekteâ sein). Doch was ist mit Strukturen und Systemen? Kann von ihnen nicht auch Macht ausgehen? Wie lieĂe sich das Wirken von anonymen MĂ€chten beschreiben?Â
Michel Foucault (1926-1984) bietet dazu andere ZugĂ€nge. Sein Blick ist ebenso auf das Subjekt gerichtet. Doch analysiert er es vom Ganzen der âgesellschaftlichen VerhĂ€ltnisseâ her. Allerdings nicht wie einst Karl Marx, der die sozio-ökonomischen Probleme von Ausbeutung, Profitzwang und Entfremdung thematisiert. Foucault untersucht Diskurse. Durch diese werden die Subjekte erst âproduziertâ.Â
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Diskurs
Was ist ein Diskurs? Im alltagssprachlichen VerstĂ€ndnis wird das Wort oft mit âDiskussionâ oder âDebatteâ gleichgesetzt. Nach Foucault umfasst ein Diskurs Aussagen, wie sie durch Texte, Reden, Begriffe, sprachliche Codes, Definitionen in einer Gesellschaft âumlaufenâ (âkursierenâ). Mehr noch: Diskurse bringen (ungeschriebene) Regeln hervor, etablieren Denk- und Sichtweisen, das Sagbare und das nicht Sagbare zu einem Thema, die Tabus.Â

BEISPIEL
Nehmen wir zum Beispiel das Bild von der âhysterischen Frauâ, wie es besonders im 19. Jh. verbreitet war. Wurde in der Antike damit die Auffassung verknĂŒpft, dass der weibliche Uterus im Körper âspazierenâ gehe, die Frau also am besten schwanger werden mĂŒsse, damit dies aufhört, so erkannte der Psychoanalytiker Sigmund Freud in der Hysterie eine psychische Krankheit (die auch MĂ€nner betreffen könne). Mit Fotos, Artikeln, Erforschungen, medizinischen Vorlesungen, VortrĂ€gen, Texten wurde das Krankheitsbild âHysterieâ âin Umlauf gebrachtâ und fĂŒr eine bestimmte Zeit durchgesetzt. Damit verknĂŒpft war die Vorstellung von der Frau als TrĂ€gerin des Emotionalen, (potenziell) VerrĂŒckten. Im Kontrast dazu erschien der Mann rational und vernĂŒnftig kalkulierend. GefĂŒhrt wurden diese Diskurse von MĂ€nnern.[6] Â
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Das Beispiel zeigt auch: Diskurse bringen Wissen hervor und damit Aussagen, denen der Status einer Wahrheit zuerkannt wird. Subjekte sind in Diskurse eingewoben; ihr Sprechen ist davon nicht losgelöst, sondern durch die Vielfalt der anderen Artikulationen ermöglicht und begrenzt. Gleichwohl setzen diese ihre Zeichen, bringen ihre Aussagen ein. Foucault weist damit die Idee zurĂŒck, dass Subjekte autonom, frei und ausschlieĂlich in sich selbst verankert sind. Ihr Denken, FĂŒhlen und Handeln ist durch gesellschaftliche Diskurse (vor-)geformt.Â
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Die Diskurse selbst werden als beweglich gedacht. Sie bringen hervor, und zugleich werden sie und ihre Herstellung ââŠÂ kontrolliert, selektiert, organisiert und kanalisiert durch Prozeduren, deren Aufgabe es ist, die KrĂ€fte und die Gefahren des Diskurses zu bĂ€ndigen und sein unberechenbar Ereignishaftes zu bannen.â[7]Â
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In dieser Sicht liegt es daher nahe, Wissen und Macht zusammen zu denken. Das Wissen, das in einer Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit diskursiv Geltung erlangt, ist von Macht durchzogen. Damit ist nicht gemeint, dass alle FĂ€den in einem Macht-Zentrum zusammenlaufen und alle Diskurs-AktivitĂ€ten von diesem gesteuert werden. Macht ereignet sich, ist eine Handlung, ist ein Spiel von KrĂ€ften.Â
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Der Diskurs um die âhysterische Frauâ basierte auf Wissen ĂŒber den Menschen und brachte neues Wissen hervor; ein Wissen, das zur Kontrolle und effektiveren Steuerung von âWeiblichkeitâ und Frauen eingesetzt wurde. Denn mit dem Konstrukt der âhysterischen Frauâ konnte das weibliche Geschlecht fĂŒr potenziell verrĂŒckt erklĂ€rt und konnten Frauen aus Politik, Wissenschaft, Bildung, öffentlicher Meinung u.s.w. ausgegrenzt und kontrolliert werden.[8]Â
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Durch Diskurse werden das Sagbare und das Nicht-Sagbare hervorgebracht, wird sichtbar und unsichtbar gemacht. Wahrheit ist demnach der Effekt, eine Hervorbringung von gesellschaftlichen KrĂ€fteverhĂ€ltnissen. Durch sie wird bestimmt, was zu einer Zeit als wahr gilt.Â
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Das klingt neu? Das klingt anders, als gewohnt? Sie kennen das berĂŒhmte Beispiel von Galileo Galilei (1564-1642)? Als er seine Erkenntnisse zum kopernikanischen Weltbild veröffentlichte, bekam er es mit der Inquisition zu tun. Erst im Jahr 1992 wurde er von der katholischen Kirche rehabilitiert; seine Erkenntnisse konnten sich deutlich frĂŒher durchsetzen. War es nur der Kampf zwischen dem Geltungsanspruch einer AutoritĂ€t wie der Kirche und dem Fortschritt an Wissen? Welche Rolle spielt die Bevölkerung dabei? Ab wann wird ihr guter Wille gebraucht, um Wahrheiten zu solchen zu âmachenâ? (to emâpowerâ truth as truth?) Und ist das alles nur Gerede? Foucault geht noch einen Schritt weiter.Â
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Dispositiv
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Foucault erweitert den Begriff des Diskurses um den des Dispositivs. Damit sind neben den Aussagen (Diskursen) auch Praktiken gemeint. Sie umfassen konkrete Handlungen, aber auch z.B. die Architektur von GebÀuden, Routinen, Stuhlanordnungen in Bildungseinrichtungen, LehrplÀne und deren Struktur etc. Dispositive schreiben vor, was Bereiche der Gesellschaft zu tun und zu lassen haben.
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BEISPIEL
Nehmen wir zum Beispiel das Dispositiv der schönen Frau. Frauen werden oft noch vor allem ĂŒber ihr Aussehen bewertet und haben dieses Denken zumeist ebenso internalisiert. Leitbild ist zumeist das Schönheitsideal der schlanken, jung wirkenden, attraktiven Frau. Diese âNormâ wird durch Alt-Medien, Instagram-Reels, TikTok, Modetrends, Schönheitschirurgen, Frauenzeitschriften etc. bekrĂ€ftigt, verfeinert und aktualisiert. Besonders junge Frauen messen sich allzu oft an dieser Norm und nehmen sich selbst als defizitĂ€r wahr. Frauen ĂŒbernehmen das Schönheitsideal und machen DiĂ€ten oder Wellness-Kuren, um ihm besser zu entsprechen. Auf diese Weise sind sie nicht nur Ziel eines Schönheitsdispositivs, sondern setzen es selbst mit ins Werk. Sie sind Unterworfene und sich Unterwerfende zugleich. Die Macht des Schönheitsdispositivs wirkt normend, normierend und normalisierend; sie diszipliniert und lenkt die Aufmerksamkeit â aller Geschlechter â auf dieses Thema â und weg von anderen Fragen. Zugleich wird neues Wissen ĂŒber den (weiblichen) Körper generiert: erfolgreichere DiĂ€tmodelle, verfeinerte chirurgische Methoden, Techniken der Messung wie Body Mass Index, von Fitness- und Fettwerten, die es erlauben, den Körper noch besser im Sinne der Norm zu trainieren bzw. selbst zu disziplinieren.Â
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Foucault untersucht die Dispositive nicht, um zu werten. Vielmehr geht es ihm darum, zu verstehen, was unsere Gegenwart auszeichnet â in die jede/r eingebunden ist. Seine Intention ist es, dass Menschen aus der Distanz eines Fremden auf ihre Gesellschaft sehen, SelbstverstĂ€ndlichkeiten in Frage stellen, sich wundern können und, in dem sie die Dispositive erkennen, sich davon frei machen und so neue FreiheitsspielrĂ€ume fĂŒr sich erkennen und erproben. âEs gibt im Leben Augenblicke, da die Frage, ob man anders denken kann, als man denkt, [âŠ] unentbehrlich ist.â[9]Â
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Man kann hinzufĂŒgen: Machtspiele und MachtverhĂ€ltnisse zu erkennen, kann auch dazu beitragen, Fremdheit und Entfremdung zwischen Menschen zu verringern. Sie können sich im Sinne von Hannah Arendt zusammenschlieĂen und eigene Akzente im Spiel der KrĂ€fte geltend machen.Â
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Macht ist nicht auf politische Institutionen beschrÀnkt
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Zu verstehen, was wir denken, wie wir denken und wie unser Denken durch das diskursive KrĂ€ftefeld in der Gesellschaft (einschlieĂlich der nicht-diskursiven Praktiken) geformt wird, erlaubt es, nicht nur den Blick fĂŒr neue Möglichkeiten zu öffnen, sondern auch fĂŒr die Ăbernahme von Leitungsaufgaben. Auf eine solche Weise Macht zu analysieren, kann den Blick öffnen fĂŒr Ambivalenzen, Paradoxien, BrĂŒche und WidersprĂŒche, wie sie die Welt auszeichnen. Dies erleichtert es, zu differenzieren und offen fĂŒr neue Erkenntnisse zu sein. Es wird auch helfen, langfristige Entscheidungen zu treffen. Und schlieĂlich wird die nĂŒchterne Analyse einer Machtkonstellation dazu beitragen, GefĂŒhle von Ohnmacht wahrzunehmen, im Kontrast dazu die eigene Macht im Spiel der KrĂ€fte zu sehen und somit Machtpotenziale realistisch einzuschĂ€tzen.Â
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Das klingt âmĂ€nnlichâ, weckt Assoziationen nach Kampf, Ruhmessucht und Geldgier? Chancen nutzen und strategisch denken muss nicht mit einer EllbogenmentalitĂ€t und Verlust an Menschlichkeit einher gehen. Wird es reflektiert als Aspekt eines Machtgeflechts, dessen Teil man unweigerlich ist, so kann diese Distanzierung (innere) FreirĂ€ume fĂŒr Menschlichkeit weiten.Â
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Dazu noch einmal das Bild des Elefanten:Â
Es ist sowohl das Tier als Ganzes als auch der RĂŒssel, was es erst ermöglicht, den RĂŒssel als solchen zu erkennen. Daneben gibt es weitere âRĂŒsselâ bzw. die Ohren, den Bauch, den Schwanz etc., das heiĂt Wahrnehmungen von Ereignissen in der Gesellschaft, die zum Gegenstand von Diskursen werden. Eine Diskurs- und Dispositivanalyse, die von Foucault inspiriert ist, berĂŒcksichtigt noch mehr: Die Kulturtechnik des Zeichnens, unser VerstĂ€ndnis von Bildung, das uns dazu bringt, ein Problem anhand eines Tier-Bildes zu illustrieren, die Zeichnerin und ihr gesellschaftlicher Wissens-Kontext, die Frage, wo die Bilder auftauchen, wer sie nutzt bzw. wo sie zum Einsatz kommen, wo nicht und wie damit FĂŒhlen, Denken und Handeln von Subjekten beeinflusst wird, sie diszipliniert werden und sich selbst disziplinieren.Â
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MachtverhĂ€ltnisse und die Produktion von Wissen ereignen sich in dieser Sicht nicht allein durch politische AmtstrĂ€ger, sei es von den nationalen Regierungen, den Gerichten, Parlamenten oder der EuropĂ€ischen Kommission und das âvertikalâ im Stil von Befehl und Gehorsam. Foucault denkt sie als horizontal, beweglich und vielfĂ€ltig:Â
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âDie Macht ist nicht eine Institution, ist nicht eine Struktur, ist nicht eine MĂ€chtigkeit einiger MĂ€chtiger. Die Macht ist der Name, den man einer komplexen strategischen Situation in einer Gesellschaft gibt.â (Foucault 1977, 114)Â
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Sie ereignet sich in Familie, Kindergarten, Schule, Krankenhaus, NGOs, Unternehmen, Think Tanks, GefĂ€ngnissen, in und ĂŒber Medien und selbstverstĂ€ndlich auch in Behörden, Parlamenten, Regierungen.Â
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GeschlechterverhĂ€ltnis als MachtbeziehungÂ
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Das heiĂt, die Gesellschaft insgesamt â… ist ein Archipel von verschiedenen MĂ€chtenâ (Foucault 1998, 281). Macht meint damit ein soziales Geschehen, das nicht an Dinge oder Personen geheftet, doch allem inbegriffen ist. Also auch da, wo sich GeschlechterverhĂ€ltnisse ereignen.Mehr noch: Geht man davon aus, dass Macht fĂŒr das Politische konstitutiv ist, so ist mit der foucaultschen AnnĂ€herung an das PhĂ€nomen der Macht auch das Politische der gesamten Gesellschaft eingeschrieben. Und so wie das GeschlechterverhĂ€ltnis in den verschiedenen SphĂ€ren der Gesellschaft von Macht durchzogen ist, ist dieses ebenso auch politisch.Â
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Dies erhĂ€lt eine gewisse Brisanz, wenn man sich bewusst macht, dass Geschlecht eine horizontale bzw. Querschnittskategorie ist. Diskurse zum GeschlechterverhĂ€ltnis sind oftmals mit jenen verknĂŒpft zu Arbeit, Arbeitsteilung, Familie, Bildung â und Macht. So wie es umgekehrt Erkenntnisse bringt, wenn Diskurse z.B. zu Rente, Wohnen, Arbeit mit der Kategorie Geschlecht verbunden werden.Â
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Geschlechtergerechtigkeit und Neoliberalismus
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BEISPIEL
Ein markantes Beispiel hierfĂŒr ist es, Diskurse zu Geschlechtergerechtigkeit auf jene zum Neoliberalismus zu beziehen. Was meint das Wort? Es ist das dominante wirtschaftspolitische Paradigma der Gegenwart, das zugleich beansprucht, fĂŒr alle Bereiche der Gesellschaft zu gelten. Deshalb ist es auch fĂŒr die Ăberwindung von MachtlĂŒcken zwischen den Geschlechtern relevant.Â
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Der Internationale WĂ€hrungsfonds (IWF) veröffentlichte 2016 das Papier âNeoliberalism: Oversold?â[10] und akzeptierte damit, dass das Wort keinen Kampfbegriff markiert, sondern die RealitĂ€t einer gesellschaftspolitischen Strategie spiegelt. Kernpunkte sind Privatisierung, Liberalisierung und Deregulierung und in deren Folge ein merklicher Anstieg sozialer Ungleichheit, prekĂ€rer ArbeitsverhĂ€ltnisse, unsicherer Renten, geringerer Steuerleistungen durch Wohlhabende und damit insgesamt die systematische Implementierung von Unsicherheit. Gesellschaft wird, mathematisch gesprochen, als Funktion des Marktes interpretiert und nicht umgekehrt. Staaten werden geschwĂ€cht. Zudem, so kann man mit Bezug auf den Text folgern, geht damit die Dethematisierung des Politischen einher. Die Aufmerksamkeit wird eher auf den Mikro- und Meso-Bereich sozialen Handelns gelenkt, die UnterstĂŒtzung im direkten Umfeld, weniger auf die Diskussion von EigentumsverhĂ€ltnissen, Konzernmacht, das Zustandekommen von Reichtum im Kontrast zur Armut und Weiteres.Â
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Es sollte berĂŒcksichtigt werden, dass die Ideen des Neoliberalismus im Wesentlichen auf drei Schulen zurĂŒckgehen: die Ăsterreichische Schule, die Freiburger und die Chicagoer Schule. Letztere dominiert seit etwa fĂŒnfzig Jahren. Ihre Durchsetzung nahm ihnen Ausgang mit dem Umsturz in Chile 1973 und wurde durch die Politik von Margaret Thatcher und Ronald Reagan in der âwestlichenâ Welt erstmals wirkmĂ€chtig. Und sie provoziert zu Gegenbewegungen: Das Erstarken rechter, autoritĂ€rer Bewegungen kann auch als Reaktion auf soziale Verunsicherungen infolge einer neoliberal ausgerichteten Wirtschaftspolitik bei gleichzeitigem Wunsch nach Orientierung in einer komplexen Welt gedeutet werden. Allerdings weisen die Programme konservativer und rechter Parteien selbst eine neoliberale wirtschaftspolitische Ausrichtung auf. Es mutet daher paradox an, dass nicht wenige BĂŒrgerinnen und BĂŒrger mit der Wahl dieser Parteien eine soziale Hoffnung auf StabilitĂ€t und Ausgleich verbinden.Â
Mont PĂšlerin Society – Die Anstalt 7. November, ZDF â Zweites Deutsches Fernsehen, broadcast from 07/11/2018, https://www.youtube.com/watch?v=vzUNwWpk6CE&t=516s, Min. 4:24
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Und Paradoxien betreffen ebenfalls das GeschlechterverhĂ€ltnis: In der neoliberalen Programmatik stehen Anstrengungen fĂŒr mehr Geschlechtergerechtigkeit ganz oben auf der Agenda. Durch Gender Mainstreaming, geschlechtergerechte Sprache, Förderprogramme fĂŒr Frauen, Kampagnen gegen hĂ€usliche Gewalt u.v.a.m. wurden Fortschritte erzielt. Zugleich wird Geschlechtergerechtigkeit verhindert, da die Prekarisierung von Arbeitsbedingungen, niedrige Löhne, niedrige Renten u.s.w. als Folge neoliberaler Wirtschaftspolitik Frauen in besonderem MaĂe treffen.Â
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Wenn rechtskonservative Milieus sich gegen die so bezeichnete âGender-Ideologieâ wenden, muss dies nicht bedeuten, dass damit per se eine ZurĂŒckweisung von Geschlechtergerechtigkeit verbunden ist â auch wenn es inzwischen Bestrebungen gibt, die unter âAntifeminismusâ subsumiert werden. Die Politikwissenschaftlerin Eszter KovĂĄts konstatierte bereits 2017, dass Feminismus, Frauenbewegung und Frauen, die reĂŒssieren, als Teil der neoliberalen politischen Ausrichtung wahrgenommen und mitverantwortlich gemacht werden fĂŒr die sozialen SchĂ€den, die diese verursachen.[11] Die ZurĂŒckweisung von âGenderâ kann damit auch als Ablehnung neoliberaler Zumutungen gesehen werden. Weil diese allerdings nicht offen als Disziplinierungs- bzw. Machtstrategie benannt werden, wird die soziale Polarisierung im Stile des Kulturkampfes ausgetragen â und die Dethematisierung der Machtstrategien bzw. das Verschweigen der sozialen Konflikte eher bekrĂ€ftigt.Â
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Ist das Bewusstsein geschĂ€rft fĂŒr Diskurse und ihre Machtwirkungen, fĂŒr Kontexte, in denen AktivitĂ€ten zur Ăberwindung der Gender Power Gap erfolgreich sein mögen, so lieĂe sich folgendes Dilemma konstatieren:Â
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1/ Akteure verfolgen die Intention von Geschlechtergerechtigkeit.Â
2/ Sie bewegen sich in einem neoliberal aufgeladenen Diskurs-Kontext, in dem die Verwirklichung des Ziels der Geschlechtergerechtigkeit und mithin die Ăberwindung der Gender Power Gap ambivalent, widersprĂŒchlich und einander konterkarierend erscheint.Â
3/ Die wirtschaftsliberale Agenda ruft rechtskonservative Reaktionen hervor, in deren Folge Geschlechtergerechtigkeit kaum aktiv gefördert wird, eher im Gegenteil.Â
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Mit anderen Worten: Wenn Verfechter/innen von Geschlechtergerechtigkeit die paradoxen Machtwirkungen des gesamtgesellschaftlichen Kontextes auĂer Acht lassen, in dem sie agieren, laufen sie Gefahr, unter den aktuellen UmstĂ€nden der 2020er Jahre das zu befördern, wogegen sie kĂ€mpfen: Einen RĂŒckfall in patriarchale VerhĂ€ltnisse.Â
Macht ereignet sich ĂŒberall, sie ist nicht an politische AmtstrĂ€ger oder politische Institutionen gebunden. Sie geschieht in Situationen, in Kontexten, als VerhĂ€ltnis von KrĂ€ften. Auch Bestrebungen zu mehr Geschlechtergerechtigkeit ereignen sich in einem bestimmten gesellschaftlichen Umfeld. Als Beispiel wurde hierfĂŒr die neo- oder wirtschaftsliberale politische Strategie angefĂŒhrt. Sie geht einerseits mit der Förderung von Geschlechtergerechtigkeit einher. Andererseits sind von der Prekarisierung von Arbeitsbedingungen, niedrigen Renten u.a. Frauen in besonderem MaĂ betroffen. Die Behauptung, sie seien zweitrangig hat eine lange Geschichte. Philosophen und Wissenschaftler haben zu dieser Auffassung erheblich beigetragen. Wie praktisch die Theorie doch ist. Sehen wir es uns genauer an.Â
Quellenangaben:
[1]Cf. etymonline.com, https://www.etymonline.com/word/*magh-?ref=etymonline_crossreference (04/09/2025)
[2]Cf. etymonline.com, https://www.etymonline.com/word/power (04/09/2025)
[3]Cf. https://www.etymonline.com/word/*mag-#etymonline_v_52644 (04/09/2025)
[4]Weber, Max (2010, first published 1921): Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie, Frankfurt, M., p. 38
[5]Hannah Arendt, Macht und Gewalt, Munich 1981 (4th ed.), pp. 45; 53
[6]Cf. GĂŒnther, Paula, Von MĂ€nnern erfunden: Diagnose Hysterie als Machtmittel gegen das weibliche Geschlecht, 26.04.2023, https://www.qiio.de/von-maennern-erfunden-diagnose-hysterie-als-machtmittel-gegen-das-weibliche-geschlecht/ (04.09.2025)
[7]Faulstich, Peter, AufklĂ€rung — Der Zugang zum Wissen und die Macht seines Gebrauchs, n.d., https://www.die-bonn.de/doks/report/2011-theorie-der-erwachsenenbildung-01.pdf, p. 7
[8]Cf. GĂŒnther, Paula, Von MĂ€nnern erfunden: Diagnose Hysterie als Machtmittel gegen das weibliche Geschlecht, 26.04.2023, https://www.qiio.de/von-maennern-erfunden-diagnose-hysterie-als-machtmittel-gegen-das-weibliche-geschlecht/ (04.09.2025)
[9]Ziegler Dr., Walther, Foucault in 60 Minuten, https://www.youtube.com/watch?v=mY8xqn9MYbI&t=609s, min. 56:02 (04/09/2025)
[10]Ostry, Jonathan D. / Loungani, Prakash / Furceri, Davide, Neoliberalism: Oversold? Finance & Development, June 2016, Vol. 53, No. 2, https://www.imf.org/external/pubs/ft/fandd/2016/06/ostry.htm (04/09/2025)
[11]KovĂĄts, Eszter, The Emergence of Powerful Anti-Gender Movements in Europe and the Crisis of Liberal Democracy. In: Gender and Far Right Politics in Europe. Springer International Publishing, Cham 2017, pp. 175â189
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