Die Geschlechterdifferenz ist ein Dauer-Gegenstand von Diskursen. Ăber diese wurden und werden ĂŒber die Jahrhunderte hinweg Wahrnehmungen vorstrukturiert, âWahrheitenâ ĂŒber das, was als soziale RealitĂ€t anerkannt wird, produziert, Machtbeziehungen verhandelt und Handlungsdispositive formuliert. Zahlreiche Diskurse bezogen sich auch auf die behauptete geringere Wertigkeit der Frau und die Beherrschung des weiblichen Körpers.Â
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Jean-Jaques Rousseau (1712-1778)Â
Der Philosoph revolutionierte mit seinem Roman âĂmil oder ĂŒber die Erziehungâ (1762) die Auffassungen ĂŒber PĂ€dagogik. Die Ideen haben Eingang in zahlreiche (reform-)pĂ€dagogische Konzepte gefunden. Er formuliert den Grundsatz, die Erwachsenen Erwachsene und die Kinder Kinder sein zu lassen. Was ist damit gemeint? Die Entwicklung eines Kindes möge entsprechend seiner BedĂŒrfnisse und jeweiligen FĂ€higkeiten im Einklang mit der bzw. seiner Natur verlaufen. Eine gesunde Lebensweise â Bewegung, vegetarische ErnĂ€hrung â sei dafĂŒr unabdingbar. Die Erziehung solle auf eine freie, philosophisch wie praktisch gebildete und zu eigenem Urteil befĂ€higte Persönlichkeit orientieren. Es gehe nicht allein um Wissensvermittlung, sondern darum, die Freude am Wissenserwerb anzuregen.Â
Der fĂŒnfte Teil steht unter dem Titel âSophie und die Frauâ. Es wird schnell ersichtlich, dass ihr Tun und Trachten stets in Bezug auf den Mann ausgerichtet ist und ihr keine eigene, in ihren Talenten gegrĂŒndete Entwicklung vorbehalten ist. Die Vermutung liegt nahe, dass die allgemeinen Ăberlegungen Rousseaus zur kindgemĂ€Ăen Erziehung daher mit Blick auf Jungen und junge MĂ€nner verfasst sind.Â
Rousseau postuliert, dass die Frau dazu da sei, dem Mann zu gefallen und sich ihm zu unterwerfen. Sie solle fĂŒr ihn sorgen, ihn beraten, trösten und ihm das Leben âversĂŒĂenâ:
So muĂ sich die ganze Erziehung der Frauen im Hinblick auf die MĂ€nner vollziehen.Â
Ihnen gefallen, ihnen nĂŒtzlich sein, sich von ihnen lieben und achten lassen, sie groĂziehen, solange sie jung sind, als MĂ€nner fĂŒr sie sorgen, sie beraten, sie trösten, ihnen ein angenehmes und sĂŒĂes Dasein bereiten: das sind die Pflichten der Frau zu allen Zeiten, das ist es, was man sie von Kindheit an lehren muĂ. Solange man nicht zu diesem Prinzip zurĂŒckgeht, entfernt man sich vom Ziel, und alle Regeln, die man fĂŒr sie aufstellt, dienen weder ihrem noch unserem GlĂŒck. [1] Â
Ihr Lebenssinn sei es, Hausfrau und Mutter zu sein und dafĂŒr dann auch ihren Geist zu kultivieren. Allerdings sei ihre Bildung durch diesen ihren Auftrag, fĂŒr den Mann da zu sein begrenzt. Philosophie und Naturwissenschaften gehörten nicht dazu. Der Mann denkt, erschafft, forscht, die Frau reflektiert und beobachtet. Ihr komme eine passive Rolle zu.Â
Wie wird diese fundamentale Ungleichheit zwischen den Geschlechtern begrĂŒndet? Rousseau leitet sie aus der Art ab, wie beide Geschlechter SexualitĂ€t gestalten. Er nimmt an, dass der Mann stets den aktiven Part ĂŒbernĂ€hme und die Frau den passiven. Daraus folgert und verallgemeinert Rousseau die Rollen, die er fĂŒr Mann und Frau jeweils annimmt.
Die Konsequenzen dieser GedankengĂ€nge sind weitreichend. Der Philosoph Immanuel Kant hat sie beispielsweise beinahe wörtlich ĂŒbernommen. In seinen Schriften, in denen er Ideen fĂŒr einen bĂŒrgerlichen Rechtsstaat formuliert, schlieĂt er Frauen ausdrĂŒcklich von der Wahrnehmung bĂŒrgerlicher Rechte wie die Teilnahme an Wahlen, politische Mitbestimmung u.Ă. aus.Â
Diese kurze WĂŒrdigung von Rousseau zeigt: Gedankenfiguren, die das Alltagsdenken ĂŒber Generationen hinweg bestimmten, sind nicht nur allgemeine, ungefĂ€hre Ăberlegungen. Sie haben ihren Ursprung in den konkreten Reflexionen einiger Denker.Â
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Claudia Honegger (*1947)
Die Schweizer Soziologin Claudia Honegger hat 1991 das Werk âDie Ordnung der Geschlechter. Die Wissenschaften vom Menschen und das Weib, 1750-1850â veröffentlicht. Darin zeichnet sie den Prozess der âCodierung der Geschlechterâ von der AufklĂ€rung bis in die Mitte des 19. Jh. nach. Sie macht dies anhand von wissenschaftlichen Schriften dieser Zeit.Â
Ihre These ist, dass in der zweiten HĂ€lfte des 18. Jh., also in der Zeit der AufklĂ€rung, ĂŒber das VerhĂ€ltnis der Geschlechter noch mit Bezug auf Politik und Gesellschaft nachgedacht wurde. Als dann die Anthropologie als Wissenschaft vom Menschen aufkam, seien Fragen zur Geschlechterdifferenz vor allem unter dem Vorzeichen der âNaturâ von Mann und Frau erörtert worden. Neben der Anthropologie entstand auch die âWissenschaft vom Weibâ. Damit wurden Ărzte zu denjenigen, die mit der AutoritĂ€t ihrer Wissenschaft ausgestattet, die âNaturâ von Frauen darstellten â in die ihre Annahmen zur Weiblichkeit einflossen.Â
Honegger konstatiert, dass einhundert Jahre spĂ€ter, also etwa in der Mitte des 19. Jh., der Geschlechterunterschied kein Thema politischer Auseinandersetzungen mehr gewesen sei. Vielmehr sei der Diskurs darĂŒber als Betrachtung ĂŒber die âNaturâ der Frau in die neu entstandene GynĂ€kologie verdrĂ€ngt worden. Das Weibliche und die Frau wurden entpolitisiert zum Objekt wissenschaftlicher Betrachtungen. Im Ergebnis wurde die Machtverteilung zwischen Mann und Frau âwissenschaftlichâ begrĂŒndet â und gefordert, eine solche zu schaffen, wie dieses Zitat zeigt:Â
Die beyden Geschlechter verhalten sich untereinander wie Allgemeines und Besonderes. Das eine ist das Schaffende, wahrhaft Erzeugende, Positive, das andere ist das lediglich Empfangende, Negative, und der ganze Zeugungsprozess ist nur eine Vernichtung aller NegativitĂ€t des Weiblichen durch die positive, belebende Kraft des MĂ€nnlichen.â [2]
Bemerkenswert dabei ist zudem, dass mit der diskursiven Einhegung und Determinierung des Weiblichen bzw. der Rolle von Frauen in der Gesellschaft eine Denkweise gefördert wird, die binĂ€r ausgerichtet ist: aktiv-passiv, Allgemeines-Besonderes, Kraft-SchwĂ€che etc. KomplexitĂ€t, Paradoxien, WidersprĂŒche, Dynamiken werden systematisch ausgeblendet. Dies geschieht zum Nachteil der Akzeptanz von PluralitĂ€t und damit auch vielfĂ€ltiger Lebenswirklichkeiten von Frauen â wie MĂ€nnern.

Jean-Jacques Rousseau, Immanuel Kant, Wissenschaftler des 18. und 19. Jahrhunderts und sehr viele Denker, Institutionen wie die Kirchen und andere Einflussreiche vor ihnen haben immer wieder versucht, Frauen bzw. das Weibliche unter Kontrolle zu bringen. DafĂŒr war die Behauptung, sie seien eine Art âGeschöpf zweiter Klasseâ, bezögen ihren Wert durch den Mann und seien vor allem auf der Welt, um Kinder zu gebĂ€ren und groĂ zu ziehen, zentral. Doch es gab und gibt Kritik daran, Patriarchatskritik.Â
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Quellenangaben
[1]Quoted from: Snow, Maria, Der Geschlechtscharakter in Rousseaus Werk âĂmile oder Ăber die Erziehungâ. Eine kurze Analyse, 2019, https://www.grin.com/document/982747 (05/09/2025)
[2]Honegger, Claudia, Die Ordnung der Geschlechter. Die Wissenschaften vom Menschen und das Weib, 09/01/2014, http://claudiahonegger.ch/die-ordnung-der-geschlechter/ (05/09/2025)
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