Was charekterisiert die Gender Power Gap?
Vor allem im 20. Jahrhundert konnten für Frauen mehr Rechte erkämpft wurden. So das Recht zu wählen und gewählt zu werden, zu arbeiten und ein eigenes Einkommen zu erzielen sowie eigenes Vermögen zu besitzen. Doch die soziale, wirtschaftliche und politische Geschlechtergerechtigkeit weist noch erhebliche Defizite auf.
António Guterres, der Generalsekretär der UNO seit 2017, betont in seinem Statement über Facetten mangelnder Geschlechtergerechtigkeit, „… dass die Gleichstellung der Geschlechter grundsätzlich eine Frage der Macht ist.“ Patriarchat und jahrhundertelange Diskrimierung hätten in Politik und Unternehmen eine tiefe Disparität zwischen den Geschlechtern geschaffen. Guterres geht sowohl auf personelle als auch strukturelle Faktoren ein. Frauen, die in Führungspositionen bzw. in der Öffentlichkeit seien, erführen noch immer Bedrohungen und Belästigungen. Allzu oft seien Männer die Norm und Frauen die Ausnahme; ihre Leistungen würden übersehen; „routinemäßig“ würden sie nach ihrem Aussehen beurteilt. Oft noch seien sie Mythenbildung und Unkenntnis ihrer Körperfunktionen ausgesetzt.
Die Machtlücke zwischen den Geschlechtern betrifft demnach alle Bereiche der Gesellschaft. Im engeren Sinn umfasst sie die Frage, ob Frauen entsprechend ihres Bevölkerungsanteils auf allen Hierarchiebenen von Wirtschaft, Wissenschaft, gesellschaftlichen Organisationen und Politik vertreten sind und Einfluss nehmen können. In einem weiteren Sinn hat sie auch andere Aspekte der Geschlechterungerechtigkeit zum Thema, da diese ihrerseits ungleiche Machtverhältnisse reflektieren.[1] Dazu zählt wesentlich auch die Gender Pay Gap.
Wie ist die Situation im Einzelnen?
Der Gender Equality Index des European Institute for Gender Equality (EIGE) schlüsselt die Ungleichheit in sieben Teilbereiche auf: Arbeit, Wissen/Bildung, Geld, Zeit, Macht, Gesundheit, Gewalt. Die Ungleichheit ist im Bereich der Machtverteilung am größten, auch wenn in diesem Bereich seit 2020 die größten Fortschritte erzielt wurden. Die Zahlen werden nach politischer Macht (Ministerien, Parlamente, lokale Interessensvertretungen), wirtschaftlicher Macht (Vorstände der größten börsennotierten Unternehmen) und gesellschaftlicher Macht (Leitungspositionen in den Organisationen der wichtigsten zehn olympischen Sportarten jedes EU-Mitgliedsstaats) unterschieden:

Der Index nach allen Teilbereichen und aufgeschlüsselt auf die einzelnen Mitgliedsstaaten:


Die skandinavischen Länder und Frankreich fallen positiv auf. Für die nördlichen Staaten wird dies von einigen Beobachtern mit den Sozialleistungen für Frauen und ihren Rechten im Zusammenhang mit der Familienplanung in Verbindung gebracht.[2] Dies kann aber auch für die Situation in Frankreich gelten.
Die Forscherinnen haben die „Gläserne Decke“ für Frauen auch in Bezug auf Stereotype, Rollenbilder und Vorurteile untersucht. Das betrifft Eigenschaften, die mit Leitungsfunktionen verknüpft werden: Solche wie
„… Selbstständigkeit, Selbstvertrauen, Dominanz und Durchsetzungsstärke werden oft mit Männlichkeit assoziiert und von Männern in Führungspositionen erwartet. Die Eigenschaften und Verhaltensweisen, die wiederum von Frauen im öffentlichen Leben erwartet werden, konzentrieren sich auf Gemeinschaft und Gemeinschaftsbildung. Eigenschaften wie Empathie, Freundlichkeit, Dienstleistungsorientierung und Zusammenarbeit (Abele et al., 2007; Koburtay et al., 2019;
Tremmel et al., 2023). Somit wird von Frauen erwartet, dass sie sowohl Eigeninitiative als auch Gemeinschaftssinn zeigen, um Führungspositionen zu erreichen (Zheng et al., 2018). Infolgedessen müssen sie als Führungskräfte zwei oft widersprüchliche Verhaltensmuster unter einen Hut bringen – mit entsprechenden Konsequenzen (Johnson et al., 2008).“ [3]
Der Bericht hält außerdem fest, dass die Aussage „Männer sind bessere Leiter als Frauen“ die größte Zustimmung unter jungen Menschen zwischen 15 und 24 Jahren haben. In den weiteren Altersgruppen differieren die Zahlen kaum:

Stereotypen können auch aus einem Paradox resultieren, genauer: aus dem Umstand, dass es oft Frauen sind, die Leitungspositionen in Organisationen / Unternehmen einnehmen, die in einer Krisensituation sind oder scheitern und nur begrenzte Ressourcen haben. Gelingt es nicht, das Unternehmen oder die Organisation zum Erfolg zu führen, verstärkt dies die Vorurteile gegenüber Frauen als Leiterinnen. Zugleich lasse sich beobachten, dass in Zeiten von politischer Polarisierung, geopolitischen Konflikten, ökonomischer Unsicherheit und ökologischen Problemen sogenannte soft skills erforderlich seien. 63% der Bevölkerung in der Europäischen Union stimmen zu, dass diese, vielfach Frauen zugeschriebene Fähigkeiten benötigt werden, um eine gute Leitungskraft zu sein.[4]
Der Bericht gibt allerdings nicht über einzelne Branchen Auskunft. So steht in Frage, in welchem Maß die Gender Power Gap etwa im Digitalbereich oder im Finanzsektor auftritt – und ob Rückschritte oder eher Fortschritte zu beobachten sind.
Die Gender Power Gap geht Hand in Hand mit der Financial Power Gap. Wer weniger in Leitungspositionen kommt, verfügt per se über ein geringeres Einkommen – bei gleicher Qualifikation. Welches Bild ergibt sich für die Europäische Union? Sehen wir es uns genauer an.
Quellenangaben
[1]Guterres, António, The gender power gap, 02/03/2020, https://www.un.org/sg/en/content/secretary-general/articles/2020-03-02/the-gender-power-gap (25/08/2025)
[2]Statista, Gender equality in Europe – Statistics & Facts, published by Espinosa, Catalina, 17/12/2025, https://www.statista.com/topics/3719/gender-equality-in-europe/#topicOverview (07/01/2026)
[3]EIGE Gender Equality Index, https://eige.europa.eu/publications-resources/publications/gender-equality-index-2025-sharper-data-changing-world, p. 90
[4]EIGE Gender Equality Index, https://eige.europa.eu/publications-resources/publications/gender-equality-index-2025-sharper-data-changing-world, p. 92