„Im Anfang war das Wort…“: Fortschritten hin zu mehr Geschlechtergerechtigkeit ging stets ein „Ausgang aus der (selbstverschuldeten) Unsichtbarkeit“ voraus. Prominente Beispiele hierfür sind Olympe de Goughes’ Schriften und ihre „Erklärung der Rechte der Frau und der Bürgerin“ während der Französischen Revolution 1791. Auch im Zuge der bürgerlichen Revolutionen des 19. Jahrhunderts, der Pariser Kommune 1871, der ersten und der zweiten Frauenbewegung im 20. Jahrhundert, der Streiks von Arbeiterinnen und der Organisation eines Frauentags, um das Frauenwahlrecht durchzusetzen und viele Aktionen mehr bewirkten einen konfliktreichen wie langsamen, doch allmählichen und nachhaltigen Wandel der öffentlichen Meinung. Dies war die Basis für die Durchsetzung von Liberté und Égalité auch für Frauen und damit dem Recht auf selbstbestimmte Abtreibung, zum Zugang zu Bildung, der Aufnahme einer Erwerbstätigkeit und vielem Weiterem. Eine Art nachholender Demokratisierung für das „andere Geschlecht“.
Dieser öffentlich provozierte Lern- und Erkenntnisprozess einer Gesellschaft setzte sehr verzögert und über Jahrzehnte hinweg einen Bewusstseinswandel in Gang. Und er half, die Koordinaten der Machtbeziehungen zu verschieben. Denn öffentlicher Druck setzt Grenzen. Öffentlicher Druck bringt zugleich Neues hervor, und er veranlasst (hoffentlich) zur Selbstreflexion. Im negativen Licht der Öffentlichkeit zu stehen, wird von den meisten gescheut. Frauen- und andere demokratische, soziale Bewegungen haben daraus sukzessive ihre Macht bezogen.
Diese Macht der Öffentlichkeit kann auch in die umgekehrte Richtung wirken: als ein Korrektiv, das verhindern mag, dass Frauen sich nicht selbst korrumpieren, sobald sie in Machtpositionen sind.

Öffentlichkeit
Doch was heißt Öffentlichkeit, und inwiefern ist sie selbst von Machtverhältnissen durchzogen? Der Idee nach handelt es sich um eine Verständigung zwischen unterschiedlichen Akteuren und Gruppen in einer Gesellschaft auf der Basis von Argumenten. Der Philosoph Jürgen Habermas hatte dies für die Zeit der Aufklärung im 18. Jahrhundert und repräsentative Demokratien der Gegenwart herausgearbeitet.[1] Wie viele andere auch, konstatiert er einen Strukturwandel von Öffentlichkeit seit dem Aufkommen des Internet 2.0 und damit der Sozialen Medien.
In der Tat kamen mit Facebook, Instagram, TikTok, über Bürgerspenden finanzierte journalistische Blogs, Youtube-Kanäle und das neue Berufsbild des „Influencers“ andere Medien auf. Sie erlauben es zum einen den Bürgern, sich ohne Vermittlung („Medium“) eines etablierten Alt-Mediums (Zeitung, Zeitschrift, TV-Sender, Rundfunkstationen, staatlich finanziert oder als Teil eines Konzerns) durch andere Bürger zu informieren. Zum anderen geht die Existenz der neuen Medien und der Plattformen, über die sie Öffentlichkeit erlangen, mit einem Bedeutungsverlust der Alt-Medien einher. Dies zeigt sich unter anderem daran, dass Anzeigen vermehrt auf Plattformen geschaltet sind und die Altmedien ernsthafte Konkurrenz um Klickzahlen und Aufmerksamkeit erhalten haben. Hinzu kommen seit etwa 2015 vermehrt auftretende Vereine, Stiftungen und ‚Faktenchecker‘, die oftmals staatlich oder/und durch große private Stiftungen finanziert sind und ihrerseits Beiträge in dem Streit um die Deutungshoheit geltend machen.
Frauen und wer die Anliegen von Geschlechterdemokratie im Ringen um Sichtbarkeit und die Überwindung von Diskriminierung unterstützt, kann damit über eine Vielzahl an Kanälen versuchen, andere Menschen für ihre Ziele zu gewinnen. Es bleiben außerdem noch die ‚klassischen‘ Artikulationsformen der Demonstrationen, Gesprächskreise in Wohnzimmer oder Restaurant, eigene Publikationen, Veranstaltungen, Kongresse, Kunst, Bürger-Theater und viele mehr.
Frauen sind Akteurinnen und zugleich Rezipientinnen der öffentlichen Diskurse und damit der Kämpfe um das, was zu einer Zeit als „wahr“ angesehen werden soll. Die mitunter erbittert und humorfrei ausgetragenen Debatten zeigen auch an, welche Macht dabei dem Publikum zukommt. Die Bürgerinnen und Bürger sind es, die letztlich entscheiden, welche vorgetragene Sichtweise sie übernehmen möchten und welche nicht. Auch Frauen.
Quellenangaben
[1]Habermas, Jürgen, Strukturwandel der Öffentlichkeit: Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft, Frankfurt 1962, and Habermas, Jürgen, Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit, Berlin 2022